Aus psychischen Krisenerfahrungen Stärken entwickeln

Eine Ankündigung der arCus gGmbH, auf die wir an dieser Stelle gerne hinweisen.


Informationsveranstaltung

Gleichberechtigtes Kommunizieren und Recovery-Orientierung als neue Genesungswege

am Donnerstag, 14.06.2012
um 18:00 Uhr

In den Räumen der Kontaktstelle,
Ilseder Straße 39, 31226 Peine

Eintritt: € 3,–
Gefördert durch das Nds. Landesamt f. Soziales, Jugend u. Familie

Referentin: Ute Maria Krämer, M.A.

Psychische Erkrankungen bringen häufig Leiden und Ängste mit sich. Oft zerbrechen Freundschaften. Auch Arbeitslosigkeit verstärkt gesellschaftliche Ausgrenzung. Dabei sind es Beziehungen, geteilte Wünsche und Nöte, besonders der Austausch mit krisenerfahrenen Menschen, die wesentlich für die Wiedererlangung von Lebensmut und Lebensgang sind. Neuere Konzepte aus der Betroffenenbewegung weltweit schreiben dem Einsatz von Psychiatrie-Erfahrenen für eigene und gesellschaftliche Gesundungs- und Lebenswerte eigenständiges Genesungspotential zu. Was bedeuten die Gesundungstheorien hinter Begriffen wie Mitsprache auf Augenhöhe oder Recovery als persönlicher Genesungsweg?  Und an welchen Stellen müssen zu sehr symptom-bezogene Auffassungen von psychischen Erkrankungen verändert werden?

Dieses sind zentrale Fragen im Vortrag von Ute Maria Krämer, die sich bereits in ihrem Studium in klinischer und kultureller Anthropologie in Frankreich mit den Zusammenhängen von Psyche, Begegnung, Dialog und Verantwortung befasst hat. Schon in der Antike erkannten die Griechen die zutiefst soziale Psyche des Menschen, zoon politicon genannt. Verstehen, Helfen und Gesunden muss seither auf Ebenen geschehen, auf denen sich jugendliche oder erwachsene Menschen ins Leben begeben. Psychische Krisen treffen und verändern Menschen in ihren Ich-Weltbeziehungen, die sie in emotionalen Bindungen und dann in sozialer und kultureller Ausrichtung entwickeln.

Verluste in der sozialen und seelisch-emotionalen Welt eines Menschen können zu psychischen Krisen führen, wo biografische Verletzungen oder Verletzlichkeiten verborgen waren. Deshalb braucht es zur Überwindung von psychischen Krisen und Krankheiten beides: Anknüpfen an biografische Wunden mit leiblichem und emotionalem Rückzug oder psychotischen Durchbrüchen, sowie Anknüpfen an viele Stärken, Eigenschaften, Sehnsüchte, die ein jeder in sich trägt, und sich damit auf andere und einen Lebensweg richtet.

Kompetent kennt Krämer psychische Krisen auch aus eigener Erfahrung, nämlich aus ewig verheimlichter Unsicherheit wie aus überkochend-manischen oder erdrückend-depressiven Erlebensweisen. “Innerlich war ich nach dem traumatischen Verlust meines geliebten Pferdes als Teenager nicht mehr existent”, erinnert sie sich. “Ich war ein inneres Gespenst: in mir war nichts, um etwas aufzunehmen oder in mir festzuhalten.” Entsprechend hat das Wortbild Lebenslauf für Krämer auch eine gespaltene Bedeutung: unzählige Jobwechsel und vielfache Ortswechsel zwischen Krefeld, Paris, Berlin und Hameln zeichnen die intensive Suche nach einer verlorenen Heimat in der Welt.

Erst das radikale Nein zu oberflächlichen Anpassungsversuchen und ein ebenso radikales Ja zu der missachteten Geschichte ihres Herzens halfen Krämer, sich mit über 40 Jahren eine eigene innere Ordnung zu geben. Ihre Liebe zu Pferden verankerte sie ebenso in ihrem Herzen, wie ihre lange platonische Liebe zu ihrem Traummann und schöpferischen Vorbild. “Für die Behandler waren es fixe Ideen, die angeblich nichts mit mir zu tun hatten”, erinnert Krämer. “Das hat mich an den Abgrund gebracht. Diese warmen, schönen Tiere und einen vorbildlichen Menschen habe ich für mich geliebt. Niemand, auch keine Psychiatrie, würde sie mir wieder wegnehmen, wie früher. Meine Lieben geben meinem Herzen Gehalt und Tiefe: es ist die innere Schatztruhe meines Seins.” So hatte sich Krämer in ihrem Inneren mit Menschen und gemeinsamen Lebenswerten in der Wirklichkeit verbunden.

Praktisch war es der folgende Lernweg mit krisenerfahrenen Menschen im Einsatz für eine menschlichere Psychiatrie, der Krämer die soziale Beziehungswirklichkeit gab, in der sie Genesung lebte. Damit konnte sie an ihren früheren Lebensentwurf anknüpfen, Anthropologie und Kulturpsychologie in Leben und Lernen zu teilen. “Es war eine allergrößte Lebenshilfe, mitzuerleben, wie auch andere Teilnehmer in der Ex-In Bildungsmaßnahme zu Genesungsbegleitern um ihre innere und äußere Stärke, Akzeptanz und Wege ringen mussten”, unterstreicht Krämer. Sie ist davon überzeugt, dass es der Willen zu gefühlter und sozialer Verantwortung und zu einem neuen Platz in der Gesellschaft ist, der sie und andere motiviert, so hart an sich zu arbeiten. Wie auch langjährige Vertreter der Recovery-Bewegung in Europa und den USA herausgearbeitet haben, gibt es Meilensteine auf dem Weg von psychischer Krankheit zu sozialer und persönlicher Selbstverwirklichung. Dazu gehört das Auffinden von authentischen Begleitern und Vorbildern einserseits, andererseits die Verwandlung von Leiden zum Teil eines verbindlichen Engagements für ein soziales, künstlerisches oder spirituelles Lebensziel.

In Begegnung auf Augenhöhe, in Erfahrungsaustausch mit anderen Krisenerfahrenen, im gemeinsamen Einsatz für persönliche, berufliche und soziale Stärkung und Verantwortung, sieht Krämer wesentliche Wirkfaktoren für die Genesung. Unter Genesung versteht sie Alltag und Zukunftsperspektive mit erfüllenden Aufgaben innerhalb sozialer Netzwerke, die mit den innersten Gefühlen verbunden sind. Entsprechend kritisch sieht sie alle Therapien oder Theorien, die Menschen in psychischen Reifungskrisen entmündigen oder ihnen Fähigkeiten absprechen, die nur gelähmt, verdunkelt oder wenig sozial ausgestaltet sind. Lebensbejahend ist für Krämer eine innige Bezogenheit zwischen Herz mit Gefühlsankern sowie den Aufgaben und Beziehungen eines respektablen Erwachsenenlebens. Damit weiß sie sich in bester Tradition mit Viktor Frankl, Carl Rogers, Luc Ciompi, wie auch mit Pionieren der Recovery-Bewegung aus der Selbsthilfe wie Judy Chamberlin und Patricia Deegan, in Deutschland Dorothea Buck und Sibylle Prins. Mit Sibylle Prins zusammen zu arbeiten, die viele Jahre eine einfühlsame, humorvolle Autorin wie Gefährtin für Psychiatrie-Erfahrene ist, erlebt Krämer als ein freundschaftliches Schicksalsgeschenk. Begeistert erzählt Krämer: “Die amerikanische Psychologen und Schriftstellerin Gail Hornstein kommt sogar regelmäßig nach Europa, um beispielweise in der Stimmenhörer Community zu erleben, wie erfahrene Stimmenhörer die Botschaften entschlüssen und ihre Stimmen in die eigene Regie nehmen. Von psychopathologischen Symptomen spricht dort kaum einer mehr.”

Im Rahmen des neuen Verständnis der persönlichen und sozialen Genesung ist es auch notwendig, den Begriff der „psychischen Gesundheit“ nicht mehr klinisch als Rückkehr zu einem symptomfreien Zustand zu definieren. Er wird als das produktive Ringen um Verstehen für sich selbst und andere in der Perspektive sozialer Verantwortung und emotionaler Selbststärkung begriffen. Dadurch werden ein gefühlter und bewusster Umgang mit Krisengefahren, die weitere persönliche Entwicklung und ein sinnvoller Genesungsweg als Lebensweg möglich.

Weitere Texte von Frau Krämer:

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