Ein Anruf genügt….

Dienstag, 19. November 2013, 18-20 Uhr

Thema: Ein Anruf genügt….

Bedürfnisangepasste Behandlung und „Offener Dialog“ in Skandinavien

Referent: Dr. med Volkmar Aderhold (Hamburg/Greifswald)

„Stellen Sie sich vor, das erste therapeutische Treffen mit Menschen in einer Psychose oder einer anderen schweren Krise findet gemeinsam mit der Familie und bei Bereitschaft auch anderen wichtigen Bezugspersonen innerhalb von 24 Stunden statt und dauert so lange, wie es nötig erscheint. Alle wichtigen Professionellen aus der medizinischen Grundversorgung, Psychiatrie und Sozialdiensten, die mit der Familie in Kontakt waren, werden ebenfalls zu demselben Treffen eingeladen. Es geht um einen offenen Austausch von Erfahrungen, Einschätzungen und Vorschlägen aller für das weitere Vorgehen.“

So beschreiben Volkmar Aderhold und Nils Greve ein Behandlungsmodell von Psychosen, das ausgehend aus dem finnischen Turku inzwischen in vielen Teilen Skandinaviens etabliert wurde und auch in vielen Studien seine Wirksamkeit bewiesen hat.

Die Kernelemente des Modells sind:

1.     Psychoseteam bzw. Krisenteam – sofort, mobil und flexibel: Bei psychotischen Ersterkrankungen, aber auch anderen schwereren psychiatrischen Störungen, bietet macht ein möglichst fallspezifisches Team an, innerhalb von 24 Stunden (Frühintervention), wenn möglich am Lebensort des Menschen in der Krise zu einem Gespräch von ca. 1,5 Stunden zur Verfügung zu stehen. Auf die Passung des Teams mit dem Patienten und seinem Netzwerk wird besonders Wert gelegt. Therapieversammlungen: So werden die vor Ort praktizierten systemischen Netzwerkgespräche genannt. Zu ihnen sind möglichst viele Familienmitglieder und wichtige weitere Bezugspersonen eingeladen, die sich Sorgen machen, Kenntnisse haben oder hilfreich sein könnten (soziales Netzwerk). Durch sie soll größtmögliche Transparenz und eine offene Diskussion des Problemverständnisses und der Behandlungsschritte entstehen.

2.     Psychologische Kontinuität: Diese Versammlungen werden so oft wie gewünscht durch dasselbe Team durchgeführt; in einer ersten schweren akuten Krise auch täglich über 10-12 Tage, und auch dann, wenn der Patient doch noch stationär aufgenommen wird. So bleibt das anfängliche Team für Patienten und Netzwerk so lange zuständig, wie es für erforderlich gehalten wird. Für ca. 50 % der Ersterkrankten sind dies 2 Jahre, für die anderen auch 5 Jahre und länger. Die Gesamtzahl der Netzwerkgespräche beträgt durchschnittlich 29 bis 35, je nach Erfahrenheit der Teams.

3.     Selektive Neuroleptikaanwendung: Sie werden bei ersterkrankten Menschen in den ersten 3-4 Wochen möglichst nicht angewendet, um die eigengesetzliche Remission bei einem episodischen Verlauf der Psychose zu abzuwarten und zu nutzen. Ansonsten werden sie sehr niedrig dosiert, Benzodiazepine jedoch bei Schlafstörungen und ausgeprägten Ängsten frühzeitig eingesetzt (Lehtinen et al. 2000).

Ganz anders sieht da die Realität von Psychosebehandlung in Deutschland aus, die weiterhin noch sehr klinikzentriert ist und unter der Zersplitterung der verschiedenen Hilfsangebote leidet.

Im ersten Trialog-Forum extra wird Volkmar Aderhold, Psychiater aus Hamburg/Greifswald, über diesen besonderen Behandlungsansatz von Psychosen berichten. Durch seine langjährige Erfahrung und Auseinandersetzung mit dem Thema hat er auch einen Überblick darüber, wie auch in Deutschland Ansätze dieses Konzeptes umgesetzt werden können.

Nach einer Einführung durch den Referenten besteht anschließend die Möglichkeit zur ausführlichen Diskussion.

Text zur Einführung

Eine Kooperation zwischen dem AK Trialog und der arCus gGmbH

Dieser Beitrag wurde unter Angehörige, Psychopharmaka, Psychose-Seminar, Recovery, Schizophrenie, Trialog, Trialog Forum veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Ein Anruf genügt….

  1. Ansgar Piel sagt:

    Die Peiner Allgemeine Zeitung berichtete am 13.12.2013:
    Ambulante Versorgung bei Psychosen
    Neuordnung nach skandinavischem Modell? / Erstes Trialog-Forum in Peine

    Peine. Zum ersten Mal fand jetzt das Peiner Trialog-Forum »Extra” statt im Gemeindehaus der Friedenskirchengemeinde. Thema: „Ein Anruf genügt… Bedürfnisangepasste Behandlung und ‚Offener Dialog’ in Skandinavien”.
    Lesen Sie mehr—->

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.