Geschichten

Aufräumen

Als ich das erste Mal in der Psychiatrie war, fragte mich der Chefarzt bei der Visite, wie es mir denn geht, was meine Gedanken machen usw.
Er wollte damit wohl herausfinden,
ob die Medikamente anschlagen
und anhand dessen entscheiden,
welche Dosis von was mir zukünftig verabreicht wird.

Es waren geschätzt 15 Leute in seinem Tross, mit dem er von Zimmer zu Zimmer zog.
Ich saß auf meinem Bett,
ebenso wie meine Zimmergenossinen,
die darauf warteten, dass sie an die Reihe kommen.

Erwartete dieser “eingebildete Schnösel” allen Ernstes, dass ich ihm, den ich vorher noch nie gesehen hatte, mein Innerstes offenbare?
Meine Gedanken und Träume erzähle,
mit denen ich selbst noch nicht im Reinen war?

Die Leute in seinem Tross
(ein paar Pfleger die ich kannte und was weiß ich noch für Profis) unterlagen wahrscheinlich der Schweigepflicht.
Aber meine Zimmernachbarinnen?
Was geht die mein Geisteszustand an?
Darf ich nicht auch Geheimnisse und eine Intimssphäre haben?
Bei körperlichen Beschwerden hätte ich da weniger ein Problem, aber meine “Wahn”-Vorstellungen offen erzählen???
Wer weiß, was die später hinter meinem Rücken tratschen.

Also habe ich ziemlich kurz geantwortet: “Es geht mir gut.”
(Das ist für einen Psychiater wahrscheinlich schon per se krankhaft ;-) )

Ich stellte ihm stattdessen die Gegenfrage, auf welche Weise das Risperdal wirken soll.
Da sagte er mir:
“Es hilft, Ihre Gedanken aufzuräumen.”

Ich dachte nur:
Für wie blöd hält der mich?
Sollte ich glauben,
dass aus der Tablette kleine Männchen schlüpfen, die in meinem Hirn die lose herumfliegenden und ungeordneten Gedanken und Vorstellungen fein säuberlich in die richtigen Schubladen stecken???


Jahre später – es war glaube ich während meiner zweiten Krise – fing ich in der Zeit, als die Kinder im Kindergarten waren und ich somit zu Hause meine Ruhe hatte, an, die Sockenschublade meiner Kinder auszuräumen.
(Sie sah im Laufe der Zeit ziemlich wild aus, da ich alles nach der Wäsche nur irgendwie hineingestopft habe, Hauptsache, es geht schnell und die Schublade lässt sich noch schliessen)

Es fanden sich viele Socken und Strumpfhosen, aus denen die Kinder längst herausgewachsen waren, bei denen das Bündchen ausgeleiert, oder große Stellen durchgescheuert waren.
Oder solche Strümpfe, die wir geschenkt bekommen hatten, die die Kinder aber nie anzogen, weil sie sie nicht ausstehen konnten.

Nachdem ich einiges aussortiert hatte,
suchte ich mir Kartons, die in die Lade passten und räumte alles ordentlich wieder ein, so dass man schnell finden konnte, was man sucht.

Ich hatte mir lange nicht mehr die Zeit genommen, solche Aufräumarbeiten zu tun.
Ich räumte nur soweit auf, dass die Wohnung für unerwartete Gäste nicht allzu messie-mäßig aussah.
In die Sockenschublade guckt ja keiner.

Während des Aufräumens stellte ich fest, dass ich innerlich zur Ruhe kam.

Es erfordert ja nicht allzuviel Kopfarbeit, Socken zu sortieren.
Ich konnte die Gedanken schweifen lassen, während meine Hände beschäftigt waren.

Ich war in Bewegung
(naja, immerhin mehr, als wenn ich auf dem Sofa sitzen geblieben wäre) und nach vielleicht einer Stunde hatte ich ein sichtbares Erfolgserlebnis:
Eine sauber sortierte Schublade!
Es gab Überblick,
welche Art Strümpfe mal zugekauft werden müssten, und von welcher Art mehr als genug vorhanden war.

Meine Gedanken waren danach auch sehr viel klarer.
Mein Kopf fühlte sich auch irgendwie aufgeräumt an.

Mir wurde klar:

Echtes Aufräumen
hilft auch, ungeordnete Gedanken aufzuräumen.
Besser, als irgendein Medikament es je könnte.


Es braucht nicht gleich der große “Rundumschlag” a la Frühjahrsputz sein.
Besser eine kleine Ecke, eine Schublade fertig aufräumen, ein Teil an die richtige Stelle bringen, als sich große Ziele zu setzen und vor der vielen Arbeit zu kapitulieren.
Zu verzweifeln: “Das schaffe ich nie!”
Aufzuschieben: “Heute habe ich nicht genug Zeit, aber morgen fange ich an.”


 

Zur Zeit nutze ich meine Krankschreibung dafür, dass seit Jahren aufgeschobene Schränke- und Keller-Aufräumen anzugehen.
Manchmal ein bisschen planlos und unsystematisch, aber egal.
Hier und da stapeln sich die Dinge auf dem Fussboden, Tisch oder sonstwo, die noch keinen neuen Platz gefunden haben.

Aber ich habe mich schon von einigem Krempel endgültig verabschiedet.
(“Was ich seit zehn Jahren “in der Versenkung” nicht vermisst habe, werde ich in den kommenden Jahren vermutlich auch nicht mehr brauchen.”)

Ich habe einige “Schätze” wiederentdeckt, von denen ich gar nichts mehr wusste.
Manche Erinnerungen an alte Zeiten wurden durch die Fundstücke geweckt.

Als es die Tage so warm war,
habe ich im Keller ein Regal sortiert.
(dort war die Temperatur am erträglichsten ;-) )

Ich fand unter anderem ein originalverpacktes, recht großes Windlicht, das wir wohl mal geschenkt bekommen haben.
Im Karton ein Umschlag mit den Vornamen von mir und meinem Mann.
Darin zwei Fünfzig-Euro-Scheine.

Wir haben gerätselt, von wem dieses Geschenk kam und aus welchem Anlass wir es bekommen hatten.
Es gibt zwar einige Vermutungen
(es muss nach 2002 gewesen sein, sonst wären D-Mark-Scheine darin gewesen) aber wir hatte beide keine Erinnerung mehr daran.

Das Windlicht ist nach wie vor nicht nach unserem Geschmack (Es ist vorläufig wieder im Regal, vielleicht können wir es bei Gelegenheit mal weiterverschenken ;-) aber das Geld haben wir eingesteckt.
Können wir uns mal was Schönes gönnen ;-)

Eine Antwort auf Geschichten

  1. Hilke Ahrens sagt:

    Leichte Kost- eine Glosse
    Ich bin traurig, irritiert und hege Zweifel an meinem Tun, denn:
    sie haben mich gescholten, die Profis der Psychiatrieszene.“Warum ich mir bei meiner Erkrankung immer so schwierige Herausforderungen suchen müsse?“, wollen sie wissen. Was das Praktikum im Hospiz und die Mitarbeit beim ‚Bündnis- gegen -Rechts‘ solle. Das täte mir nicht gut und sie schlagen vor, mich doch mal den schönen, leichten Dingen des Lebens zu widmen! Da ich eine folgsame Klientin bzw. Patientin bin, nehme ich mir die gut gemeinten Ratschläge zu Herzen! Ab sofort keine „bösen“ Nachrichtensendungen mehr, keine belastende psychologische oder philosophische Lektüre, kein politischer Aktionismus. Ab heute nur noch „leichte Kost“! Heimatfilme, Schlager, Liebesromane und dergleichen wundervolle Dinge werden mir in Zukunft mein melancholisches Leben versüßen!
    Bereit für das Neue schalte ich den Fernseher ein. Auf jedem Kanal „springen“ mich Bilder von Terroranschlägen, Krieg in Syrien, Pegida-Demonstrationen an. Entsetzt zappe ich weiter. „Grausame Realität, weiche von mir!“ Endlich, auf RTL5 dann doch noch ein erbaulicher, netter, harmloser Film aus den 1950ern über eine Romanze in den Schweizer Bergen. Die Sonne strahlt vom azurblauen Himmel. Die satten Wiesen mit den glücklichen Almkühen sind so grün, wie sie grüner nicht sein könnten. Die frommen, bescheidenen, vor Gesundheit strotzenden Bauern sind so glücklich und zufrieden, wie es nur Menschen in Heimatfilmen sind. Die leise vor sich hin gurgelnden Gebirgsbäche sind so klar, rein und von dermaßen hoher Trinkqualität, dass Mineralwasservertreiber nach nur kurzer Zeit finanziell ruiniert das Handtuch werfen.
    Die Kamera schweift nach oben und zeigt dem Zuschauer das imposante Alpenpanorama und die dicht bewaldeten Berghänge. Aber anstatt diese „Heile-Welt-Idylle“ in vollen Zügen zu genießen, drängen sich mir böse, verbotene, negative Gedanken auf! „Na, ja, so sieht das heute auch nicht mehr aus!“, kommt es mir in den Sinn. „Alles abgeholzt- für Skilifte und Hotels; nur noch Massentourismus, Umweltzerstörung, Gerölllawinen, die im Sommer, bei Unwettern, sich ins Tal ergießen und die kleinen Dörfer unter sich begraben.“ Horrorvisionen lassen mich schwer atmen. Hastig schalte ich den Fernseher aus und wische mir den Angstschweiß von der Stirn. „Puh, gerade noch mal die Kurve gekriegt!“
    Vielleicht sollte ich es doch lieber mit netter Radiomusik versuchen. Kaum habe ich den Schlagerkanal gewählt, schmettert mir die allzeit positive Helene Fischer ihr: „Immer wieder will ich deine Liebe spüren!“ entgegen. „ Toll, Helene, du blöde Kuh!“, denke ich bei mir.“ Und woher nehme ich den Mann dafür? Hat ja nicht jeder einen Florian Silbereisen zu Hause auf der Couch sitzen!“ Tränen der Verzweiflung laufen über mein Gesicht. Mein armes, einsames Singleherz schmerzt! „Sch…Schlagerkitsch!“
    Sauer schalte ich das Radio aus.
    Okay, dann muss eben ein Liebesroman her, vielleicht heitert der mich wieder auf. Ich rase in die öffentliche Bücherei, die Regale mit den Werken von Camus, Beckett, Dostojewski und Co. keines Blickes würdigend und leihe mir in der Trivialabteilung einen Band von Utta Danella aus. Der Titel: „ Liebe am Tegernsee“ klingt vielversprechend. Wieder zu Hause angekommen, mache ich es mir sofort im Sessel gemütlich und beginne zu lesen:
    Lisa und Alexander, ein gutaussehendes Pärchen Ende 20, beide erfolgreiche Anwälte mit einer gutgehenden Praxis leben glücklich und zufrieden, wie sollte es auch anders sein, in einem wunderschönen Haus am noch wunderschöneren Tegernsee. Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht die krankhafte Eifersucht des verhaltensauffälligen, von Verlustängsten geplagten Alexanders. Sein aufbauschendes, generalisierendes, katastrophierendes, hellseherisches, verzerrtes Denken, das sich unweigerlich einstellt, wenn seine angebetete Lisa einen anderen, feschen Mann ansieht, führt unweigerlich zu schweren Konflikten. Diese Irrungen und Wirrungen der maskulinen Seele ziehen sich durch 300 Seiten. Aber, Gott sei Dank, am Schluss des Romans sieht der, ganz ohne Verhaltenstherapie und ABC-Modelle geläuterte Alexander seine Fehler ein. Die Beziehung ist gerettet, die beiden beschließen zu heiraten und die erleichterte Lisa verspricht, ihren Beruf an den Nagel zu hängen, um sich fortan nur noch der Aufzucht der geplanten Kinder (mindestens fünf Stück an der Zahl) zu widmen.
    „ So ein idiotischer Bullshit, es reicht!“ Wütend und angewidert werfe ich das Buch in die Ecke. „Ich will nicht mehr!“
    Keiner kann mir vorwerfen, dass ich es nicht versucht hätte, das mit der leichten Kost! Entnervt greife ich zu meinem geliebten Paulo Coelho, um zum hundertsten Mal mit der depressiven Veronika mitzuleiden, lade mir einen Song von Pink Floyd auf YouTube herunter, google die neuesten Informationen zu der bevorstehenden Anti-Bragida- Demo in Braunschweig, freue mich auf meinen nächsten Einsatz im Hospiz, auf die Gespräche mit den reflektierten Gästen dort und auf meine Teilnahme am Trialog-Forum in Peine, auf dem wir uns Gedanken über eine andere Psychiatrie der Zukunft machen werden.
    So, und jetzt schnappe ich mir meine Flugblätter, verteile sie an Bürger vor den Einkaufsparadiesen, versuche sie zu überzeugen, wie wichtig und unverzichtbar ein buntes, tolerantes Braunschweig und der persönliche Einsatz dafür sind!
    Es lebe die richtige Herausforderung!

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